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Die Habsburger-Monarchie als Vorbild für heute?

“Ich habe im Vorkrieg [Anmerkung: in der Zeit vor dem 1. Weltkrieg] die höchste Stufe und Form individueller Freiheit und nachdem ihren tiefsten Stand seit Hunderten Jahren gekannt […] Wir haben mehr Freiheit im staatsbürgerlichen Sinne genossen als das heutige Geschlecht, das zum Militärdienst, zum Arbeitsdienst, in vielen Ländern zu einer Massenideologie genötigt und eigentlich in allem der Willkür stupider Weltpolitik ausgeliefert ist. Wir konnten ungestörter unserer Kunst, unseren geistigen Neigungen uns hingeben, die private Existenz individueller, persönlicher ausformen. Wir vermochten kosmopolitischer zu leben, die ganze Welt stand uns offen. Wir konnten reisen ohne Pass und Erlaubnisschein wohin es uns beliebte, niemand examinierte uns auf Gesinnung, auf Herkunft, Rasse und Religion. Wir hatten tatsächlich – ich leugne es keineswegs – unermesslich mehr individuelle Freiheit und haben sie nicht nur geliebt, sondern auch genutzt.” Stefan Zweig: Die Welt von Gestern (1942)

Und die Kinder lernen seit Jahrzehnten in der Schule, wie sehr die Menschen in der Monarchie unterdrückt worden sind und dass sie 1918 durch die Einführung der Republik endlich die Freiheit bekamen. Aber langsam bröckelt dieses Bild. Immer mehr Bücher und Artikel sehen in der k.u.k. Monarchie viele positive Aspekte, basierend auf historischen Dokumenten und Aufzeichnungen von Zeitzeugen.

640 Jahre Haus Habsburg in Österreich

Die Habsburger-Herrschaft in Österreich war eine der längsten Herrschaften eines Hauses in Europa. Als Rudolf I. überraschend deutscher König wurde und in Österreich den „einheimischen“ Böhmen-König Ottokar vernichtend schlug, setzte er sich hier fest. Er belehnte seine Söhne mit Teilen Österreichs und baute so eine Hausmacht auf.

Rudolf IV. der Stifter hatte große Pläne für Österreich, verstarb aber schon sehr früh. Sein massiv unterschätzter Großneffe Friedrich III. setzte diese Visionen dann um. Es gelang ihm nicht nur, die inzwischen verzweigten Familienbesitzungen wieder zusammenzuführen und durch Eheschließungen enorm zu vergrößern, er setzte auch die Familie Habsburg für die nächsten Jahrhunderte auf den römisch-deutschen Kaiserthron.

A.E.I.O.U. – Austrias Emperor Ist Oberster Untertan?

Und wie er die Habsburger-Dynastie als europäische Großmacht etablierte, obwohl er eigentlich völlig machtlos war, setzte den Standard für viele seiner Nachfolger. Ein tiefgläubiger Mensch, der viele Nächte im Gebet verbrachte, wollte er nicht Macht und Luxus für sich selbst, sondern sah sich durch göttliche Berufung verantwortlich für das Wohlergehen seiner Untertanen.

Er regelte die Wirtschaft, führte Qualitätskontrollen und Höchstpreise bei den alltäglichen Produkten ein. Er vermied Schlachten wenn möglich, wich aus, tat scheinbar nichts, und auch eine verlorene Schlacht bedeutete noch nicht, dass die Sache verloren war. Friedrich dachte und plante langfristig. Auf Frechheiten und Rebellion reagierte er mit einem Lächeln. Seine „Rache“ bestand darin, diese Rebellen bei der Audienz so lange warten zu lassen, bis sie zermürbt klein bei gaben.

Die Gemeinsame Armee

Die Armee der Habsburger war ein konstanter Faktor, verlässlich und treu. Als Franz Joseph mit nur 18 Jahren neuer Kaiser wurde, war es diese Armee, auf die er bauen konnte. Die Gemeinsame Armee war nicht nur ein Schutz nach außen, sondern auch eine verbindende Klammer innerhalb des Vielvölkerstaates. Selbst die Bosnier, die sich zuerst zur Wehr setzten, wurden schnell eingebunden; die 4 bosnisch-herzegowinischen Infanterie-Regimenter gehörten später zu den treuesten Einheiten.

Vielfalt der Völker, Sprachen und Religionen

Es gab zwölf Sprachen als Regimentssprachen. Wenn in einem Regiment mindestens ein Fünftel der Soldaten über eine gemeinsame Muttersprache verfügten, hatten sie das Recht darauf, vom Offizier in dieser Sprache ausgebildet zu werden. Über die Hälfte der Truppenkörper waren zweisprachig.

Kaiser Franz Joseph war aus tiefstem Herzen katholisch, war aber gleichzeitig ein Verfechter unbedingter religiöser Toleranz. 1912 setzte er das Islāmgesetz gegen Einwände der katholischen Kirche durch. Ebenso wurde ab 1867 durch das Staatsgrundgesetz den Juden erstmals der ungehinderte Aufenthalt und die Religionsausübung gestattet, wodurch die jüdische Gemeinde in Wien auf etwa 10% der Bevölkerung anwuchs.

„Das AEIOU des nüchternsten aller österreichischen Herrscher ist nicht verträumte Phantastik, es ist das nüchternste politische Programm. Österreich ist der einzige Großstaat auf der Erde, der seit Jahrhunderten die Aufgabe hat, verschiedenartige, verschiedensprachige Völker unter einer zusammenfassenden Rechtsform zu vereinigen…“ Richard von Kralik: Österreichische Geschichte (1913)

Der Kaiser als Garantie des Zusammenhalts

“Wahrlich, existierte der österreichische Kaiserstaat nicht schon längst, man müsste im Interesse Europas, im Interesse der Humanität selbst sich beeilen, ihn zu schaffen.” František Palacký, 1848

Am Ende wurde der Staat hauptsächlich durch die freundliche Autorität zusammengehalten, die der alte Kaiser repräsentierte. Der Kaiser war die Identifikationsfigur für das Wir-Gefühl innerhalb der Doppelmonarchie.

Und was blieb?

Nach dem 1. Weltkrieg war nicht nur der Kaiser weg, sondern auch die Größe und die politische Stabilität. In manchen ehemaligen Kronländern gedenkt man mehr und mehr wieder der „guten alten Zeit“ unter dem Doppeladler. In Österreich selbst ist tief drinnen im Herzen immer noch das Wissen, dass es etwas Besseres gibt.

„Dieses AEIOU ist geblieben, und im Grunde genommen ist es auch heute noch das Geheimzeichen, das sich jene, die an Österreich glauben, wie ein Codewort zuwerfen.“ Fritz Molden: Die Österreicher (1987)